Eindämmung des Börsen-Blitzhandels: Finance Watch bei Anhörung zum Hochfrequenzhandel

Tag der Veröffentlichung: 15. Januar 2013

Pressemitteilungen

2534419Brüssel, den 15. Januar 2013 – Die Organisation Finance Watch, die sich für die Wahrnehmung des Gemeinwohlinteresses bei der Finanzmarktregulierung einsetzt, warnt bei der morgigen Anhörung im Finanzausschuss des Bundestages, dass die derzeit im Hochfrequenzhandelsgesetz vorgesehenen Maßnahmen die Probleme in den Märkten höchstwahrscheinlich nicht beseitigen werden.

Benoît Lallemand bei der Anhörung im Finanzausschuss am 16.01.2012:

Finance Watch begrüßt die Initiative der deutschen Regierung (Gesetzentwurf zur Vermeidung von Gefahren und Missbräuchen im Hochfrequenzhandel), einer europaweiten Regulierung des Hochfrequenzhandels (HFT) durch ein nationales Gesetz vorzugreifen. Mit den Maßnahmen – u.a. Aufsicht für HFT-Händler, Offenlegung der Algorithmen und zeitweise Aussetzung des Handels – können erste richtige und wichtige Schritte unternommen, jedoch nicht alle gesetzten Ziele erreicht werden. Sie helfen Risiken einzudämmen, nicht jedoch dem Marktmissbrauch vorzubeugen, der durch Hochfrequenzhandel entsteht. Dafür bedarf es einer grundlegenden Mikrostrukturänderung der Finanzmärkte, damit sie wieder von traditionellen Anlegern nutzbar sind.

Finance Watch schlägt drei wirksame und leicht umsetzbare Maßnahmen vor:

  • Einführung eines Entgeltes für modifizierte oder stornierte Aufträge: Damit kann sowohl das Problem der exzessiven Datenmenge eingegrenzt als auch die Gefahr der Preismanipulation gebannt werden.
  • Definition allgemeingültiger Minimalanforderungen für Market Maker: Auf diesem Wege kann die Liquidität, für die Market Maker sorgen sollten, qualitativ verbessert werden.
  • Einführung eines neuen Systems der Mindestpreisänderungsgrößen (engl. tick size): Es bedarf eines Systems, das den Preis und die Liquidität bei der Festsetzung von Mindestpreisänderungsgrößen berücksichtigt.

Benoît Lallemand, der Finance Watch bei der Anhörung vertritt, sagte:

“Deutschland sollte nicht seine Chance verpassen, eine Vorreiterrolle bei der Eindämmung des Hochfrequenzhandels einzunehmen. Das wäre umso wichtiger, da es auch auf europäischer Ebene in den Diskussionen zu MiFID 2 ein zentrales Thema ist.”

“Der Hochfrequenzhandel ist permanent im Wandel begriffen. Daher braucht die Finanzaufsicht eine große Bandbreite an wirkungsvollen Mitteln, um missbräuchliches oder destabilisierendes Verhalten im Hochfrequenzhandel wirksam zu bekämpfen.“

Thierry Philipponnat, Generalsekretär von Finance Watch, ergänzt:

„Die große Herausforderung bei der Regulierung der Finanzmärkte besteht heute darin, das Vertrauen der Anleger wieder herzustellen und die Investitionen in die Realwirtschaft zu lenken. Weiter auf Selbstregulierung der Märkte zu setzen, stellt ein zu großes Risiko für die Gesellschaft dar.“

 

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Für weitere Informationen oder Interviewanfragen wenden Sie sich bitte an:

Charlotte Geiger, Presseabteilung, unter +32.2.401.8741 oder per Mail an

 

HINWEISE FÜR REDAKTEURE

Umfangreiche Literaturquellen zum Thema Hochfrequenzhandel, einschließlich der jüngsten wissenschaftlichen Forschung sowie Wirtschafts- und Pressestimmen, finden Sie auf der Website von Finance Watch.

Auch auf europäischer Ebene wird im Rahmen von MiFID 2 (eine neue Richtlinie plus Verordnung über die Märkte für Finanzinstrumente in Europa) darüber diskutiert, wie der Hochfrequenzhandel eingedämmt werden kann. Finance Watch hat dazu das Positionspapier „Investieren – nicht spekulieren“ (April 2012) veröffentlicht. Der aktuelle Stand der Diskussionen ist hier zusammengefasst.

 

Fakten zum Hochfrequenzhandel:

  • HFT ist eine Handelstechnik mit ausgefeilten Algorithmen, um Wertpapiere (Aktien, Derivate, seltener Anleihen) fast in Lichtgeschwindigkeit zu handeln. HFT revolutioniert derzeit die Art, wie Finanzmärkte funktionieren, die Rolle ihrer Betreiber und Vermittler sowie die gesellschaftlichen Auswirkungen.
  • In den letzten zehn Jahren hat der Hochfrequenzhandel einen Boom erlebt. Er machte im Jahr 2012 mehr als 53 % des Aktienhandels in den USA und 37 % in der EU aus.
  • Mikrosekunden-Handel ist nicht nur vollständig vom echten Wert der Finanzinstrumente losgelöst, sondern er schafft ein System, das die Kapazitäten des menschlichen Gehirns weit übersteigt. Ein Wimpernschlag dauert 35 Millisekunden, in dieser Zeit werden 5000 HFT-Transaktionen ausgeführt (5 Mikrosekunden pro Transaktion).
  • Traditionelle Anleger und Unternehmen ziehen sich zunehmend von diesen Märkten zurück und deponieren ihr Geld in der Bank oder kaufen z.B. Anleihen. Zwar gibt es viele verschiedene Faktoren, die die Geldströme in die eine oder andere Richtung fließen lassen, wie kürzlich der Deal im US-Haushaltsstreit. Aber die großen Abflüsse von den Aktienmärkten in den letzten Jahren können u.a. der Sorge über die häufigen Abstürze zugeschrieben werden, die verbunden sind mit der Geschwindigkeit und den als missbräuchlich empfundenden Strategien der Hochfrequenzhändler.

Konkretes Beispiel: Der US-Inlandspublikumsfonds, einer der größten Geldpools von Kleinanlegern, zog zwischen 2007 und 2012 $ 538 Milliarden von den Aktienmärkten ab. Im gleichen Zeitraum sank die Zahl der börsennotierten Unternehmen in den USA um 44 %. (Quelle: Schätzungen von Larry Tabb)